„Von der Poststation zum Ärztehaus“

Unter dieser Überschrift wird über unseren Bundesbruder Richard Wilhelm Maximilian Helwing, geboren am 31. Januar 1876 in Rauenberg (Kreis Heidelberg), berichtet.

Nach dem Semesterbericht 1895 wurde Max Helwing, stud. med. aus Detmold in einer Confuxia von fünf Mann bei Hannovera aktiv und im folgenden Semester 1895/96 in die innere Burschenschaft aufgenommen. Er war Schriftwart im Bund mit 15 Aktiven und 10 Verkehrsgästen, dann Sprecher, Fuxkränzchenführer und Kneipwart in Ämterhäufung; 1897 inaktiv und Bierkassenwart. Zum Wintersemester 1897/98 ging er als cand. med. nach Berlin, war im Juli 1898 Teilnehmer des großen 50. Stiftungsfestes in Göttingen (Schilderung von Bundesbruder Römpler, Anlage zum Semester-Bericht der Burschenschaft Hannovera. S.-S. 1898., 12 Seiten), und wechselte 1898/99 nach Würzburg, wo er im Sommersemester mit der Arbeit „Über das Eindringen eines kleinzelligen Spindelzellensarkoms in spongiöse Knochensubstanz“ zum Dr. med. promoviert wurde.

Als Aktiver war er in Göttingen als Paukant gefürchtet, wie sich aus dem Ausschnitt einer der damals beliebten gestellten Gruppenaufnahmen einer Fechtszene ergibt, die auf dem Grünenhaus hängt.

1903 hat sich Bundesbruder Helwing als praktischer Arzt in Durmersheim (Kreis Rastatt) niedergelassen. Im Jahre 1904, vor nunmehr 115 Jahren, erwarb er das 1887 errichtete, ausgediente Gebäude der ehemaligen Großherzoglich-Badischen Post in der damaligen Kaiserstraße, heutigen Hauptstraße, in Durmersheim und baute das zu seiner Arztpraxis aus.
45 Jahre lang, bis 1949, praktizierte er dort nach den – hier teils zitierten – Berichten in persona. Max Helwing war Landarzt „der alten Schule“, der mit bescheidenen Mitteln aber fundierter Kenntnis die Bevölkerung von Durmersheim und die der umliegenden Gemeinden Au/Rhein, Elchesheim und Illingen medizinisch versorgte. Der Herr Doktor arbeitete ohne Personal, ohne Hilfe und bewältige alle Fälle an Ort und Stelle selbst.

Noch lange erinnerten ehemalige Patienten der Mandelentfernungen, die im einzigen Sprechzimmer ohne Narkose durchgeführt wurden; die Betroffenen sollten nach einer forschen Aufforderung laut „Aaaaa“ sagen und bevor sie schreien konnten, wurden die Mandeln mit einer speziellen Zange „gekappt“. Hautwunden wurden damals selbstverständlich ohne Betäubung genäht, was Bundesbruder Helwing nach den Fechterfahrungen seiner göttinger Aktivenzeit, wie zu sehen ist, nicht bemerkenswert erschienen sein mag.

Überliefert wird eine weitere, aus heutiger Sicht spektakuläre Rettungsaktion von Max Helwing: Auf dem Weg zum Angeln wurde er von einer verzweifelten Familie zu Hilfe gerufen. Ihr siebenjähriger Sohn litt an Diphtherie und drohte zu ersticken. Geistesgegenwärtig ging der Arzt in den Hof, schnappte sich eine Gans, riss ihr vier Federn aus, spitzte diese mit seinem Taschenmesser an und stach sie dem Jungen unterhalb der Kehle durch die Haut in die Luftröhre. Dadurch konnte der Junge wieder atmen und überlebte die Krankheit; „Gewusst wie“ und Mut zum Handeln!

Dies ist gleichzeitig eine kurze Geschichte aus 100 Jahren ärztlicher Versorgung im ländlichen Raum. Wer alte Bilder und Berichte betrachtet und seine Vorstellungskraft bemüht, kann erahnen, wie die Infrastruktur dort kurz nach 1900 ausgesehen haben mag. Es galt damals bereits als Sensation, wenn „Der Herr Doktor“ einen eigenen Kraftwagen anschaffen konnte. Ob Patientenbesuche, Kranken- oder Medikamententransporte; das motorisierte Vehikel wurde für alle anfallenden Aufgaben genutzt. Der Landarzt war Internist, Chirurg, Geburtshelfer, Psychologe und Seelsorger in einer Person. Einen ärztlichen Notfall-, Wochenend- oder Rettungsdienst gab es nicht; Max Helwing war zuständig und rund um die Uhr im Einsatz!

1901 zeigte Bundesbruder Helwing der Burschenschaft seine Verlobung in Königsbach und 1907 die Geburt eines Sohnes an. 1908 war er Teilnehmer des 60. Stiftungsfestes in Göttingen und wurde zugleich Mitglied des neugegründeten Hausbauvereins.
Bis zuletzt stand er über die Wiederaufrichtung der Hannovera in der schweren Nachkriegszeit mit den treibenden Bundesbrüdern in Hannover im Kontakt.

Nach dem Tod von Max Helwing am 26. Juli 1949 in Durmersheim wurde die Praxis von Dr. Sepp Schäfer, geboren 1915, Studium in Heidelberg, übernommen. Der beschäftigte erstmalig eine Sprechstundenhilfe. Bereits im Jahre 1956 verstarb der Nachfolger an einer damals unheilbaren Krankheit.
Zu dem Zeitpunkt erlebte Deutschland die erste Ärzteschwemme; Jungmediziner waren arbeitslos, mussten sich zu dritt oder zu viert eine Planstelle teilen oder arbeiteten ohne Entgelt, um überhaupt im Beruf Fuß fassen zu können. Die Übernahme einer Praxis konnte nur innerhalb der Familie stattfinden oder nach langer Wartezeit auf Grund von Zuteilung erfolgen. In dieser Situation hat Schäfer seinen Neffen, den gerade approbierten praktischen Arzt Dr. Wegert, adoptiert; eine Vorgehensweise, wie sie heute noch in der anwaltlichen Steuerberatung gelegentlich empfohlen wird. Unter dem Doppelnamen Schäfer-Wegert übernahm der im Jahr 1957 die Praxis als Allgemeinarzt und Geburtshelfer. Zu dieser Zeit fanden Geburten meist noch unter häuslichen Bedingungen statt, denn vor 1962 haben Krankenkassen die Kosten einer Krankenhausgeburt nur im Falle von Komplikationen übernommen. Es war üblich, dass die Hebamme bei einsetzenden Wehen den werdenden Vater als Boten mit dem Fahrrad zur Praxis schickte, um den Arzt zu alarmieren. Die Verbreitung des Telefons ersparte später vielen werdenden Vätern einen ordentlichen Muskelkater in den Beinen – Erfahrungen ohne Telefon mussten hingegen manche Dörfler der DDR noch bis 1989 machen – was man sich im Westen Deutschlands 2019 wiederum kaum vorstellen kann. Später hielt der technische Fortschritt in Form von EKG- und Ultraschallgeräten Einzug, Laborgemeinschaften übernahmen Blut- und andere Untersuchungen; die medizinische Technik wuchs weiter unaufhaltsam.

Eine elektrische Leuchttafel im Wartezimmer der Helwing-Schäfer-Wegertschen Praxis förderte auf bemerkenswerte Weise das gesellschaftliche Leben in Durmersheim: Zum Sprechstundenbeginn wurden den Patienten Nummern zugeteilt, die der Reihe nach auf der Leuchttafel angezeigt wurden; jeder Patient sah, wann er an der Reihe war. Durch das Praxisfenster konnte man die Leuchttafel vom Stammtisch des benachbarten Gasthofes „Hirsch“ beobachten. Viele gesellige Patienten nutzten diesen günstigen Umstand, um ihre Nervosität zu bekämpften und sich die Wartezeit in der netten Atmosphäre im „Hirschen“ zu verkürzten, ohne ihren Platz im Wartezimmer zu verlieren. Solches „studentische“ Verhalten hätte sicherlich unseres Bundesbruders Zustimmung gefunden.

Kai Schröder (WS 1975/76)

In dankbarer Erinnerung gewidmet meinem lieben Bundesbruder Dr. jur. Henning Tegtmeyer (1940-2019), der vorbildlich geforscht und geschrieben hat.


(Dieser hier ergänzte Beitrag wurde in veränderter Form in der Bundeszeitung der Burschenschaft Hannovera zu Göttingen, Jahrgang 109 (Neue Folge), November 2019, Nr. 2, Seiten 91-93, veröffentlicht.)

(ks-03/2020)