Baedeker Göttingen


Über Göttingen ist viel geschrieben worden. So auch von Karl Baedeker, dem Herausgeber und Verfasser weltberühmter Reiseführer, die im deutschsprachigen Raum und darüber hinaus zum Synonym für diese Buchgattung wurden: Baedeker, ein Name, eine Weltmarke.

Beginnend 1835 mit der Rheinreise (D 001), später Rheinlande, in vielen Auflagen, die die in Blüte stehende Rheinromantik aufnahmen, folgte 1842 als weiterer Reiseführer der Reihe das Handbuch für Reisende durch Deutschland und den Österreichischen Kaiserstaat (D 038), in den bereits Göttingen aufgenommen worden war, hier vorgestellt anhand der 6. umgearbeiteten Auflage, Coblenz 1855 (D 043).

6. umgearbeitete Auflage von 1855

Über die Gründungszeit der Burschenschaft Hannovera, die gerade ihre erste Blüte erlebte, erfahren wir:
Von Cassel reiste man dreimal täglich in 5 1/2 Stunden mit der schnellen Postkutsche nach Göttingen und von dort mit der 1853/54 eröffneten Strecke der Hannöverschen Südbahn in 3 1/4 Stunden über Alfeld nach Hannover – Jenny Lind konnte bei ihrem Besuch 1850 die Bahn nach Hannover noch nicht benutzen. Die Eisenbahnverbindung von Göttingen nach Kassel stand vor ihrer Vollendung. Der Umbruch von der Kutsche zur Eisenbahn war den Zeitgenossen beeindruckend und nahm in Baedekers Schilderung den ihm gebührenden Raum ein.
Dransfeld, 1834 abgebrannt, war wieder ein freundlicher Ort, so wie heute.
Hotelempfehlungen für Göttingen: Krone, Stadt London, Englischer Hof.
11000 Einwohner; berühmte Universität Georgia Augusta mit etwa 700 Studenten, die sich in die 500000 Bände einer der größten deutschen Bibliotheken teilen müssen, Blumenbachsche Schädelsammlung und Sammlung anatomischer Präparate, Krankenhaus und Sternwarte. Naturfreunde wurden auf die Ruinen Plesse, Hardenberg, Gleichen und Hahnstein aufmerksam gemacht. Es lohnte – wie wir wissen – der Besuch der Ruine Hardenberg, vor allem seit 1848.
Soweit ist vieles bekannt; manches klingt, als sei es wie heute.

Aus ihrer hannöverschen Geschichte heraus war die Universität Göttingen von Beginn an „anglophil“; bis 1837 hatte die 123 Jahre währende Personalunion der Königreiche Hannover und Großbritannien gedauert.
1877 und 1881 brachte der Verlag Baedeker Northern Germany – handbook for travellers, (übersetzte) 16. (= 6. englische) bzw. 17. Auflage heraus; die Daten für Göttingen und seine berühmte Universität sind fortgeschrieben, die Darstellung ist etwas erweitert. Gebhard’s Hotel, Cron & Lanz, Alte Fink, Anatomie, Aula und Wilhelmsplatz, das neue Auditoriengebäude von 1865, der Botanische Garten und das ihm gegenüber liegende neue Landwirtschaftliche Institut, Rohns und Mariaspring werden erwähnt. Ebenso die Brüder Grimm und Bismarck.

Northern Germany – handbook for travellers, 16. (deutsche) Auflage 1877, Seite 99 f
Northern Germany – handbook for travellers, 17. (deutsche) Auflage 1881, Seite 102

In dem Band Mittel- und Nord-Deutschland westlich bis zum Rhein – Handbuch für Reisende, 21. Auflage von 1885 (D112), diesesmal mit dem Reiseweg von Nord nach Süd, wird vor Göttingen oberhalb Nörten auf die Ruine Hardenberg nebst neuem Schloß hingewiesen. Gebhard’s Hotel ist nicht theuer – bemerkenswert; manches ändert sich eben doch.
Die Universitätsbibliothek wurde um die Paulinerkirche erweitert.
Jetzt werden die zahlreichen Gartenhäuser erwähnt, hainbergaufwärts im heutigen Ostviertel gelegen, darunter das 1866 erbaute spätere Grünenhaus Herzberger Chaussee 9. Für die bis dahin wallumfasste Ackerbürgerstadt brachte das eine bemerkenswerte Modernisierung, ja geradezu eine Zeitenwende städtischer Entwicklung.

Mittel- und Nord-Deutschland westlich bis zum Rhein – Handbuch für Reisende, 21. A., 1885, Seite 348 f

Nach einer von Werner Thies erfolgten Darstellung über die städtebauliche Entwicklung in Göttingen waren ab 1860 die wohlhabenden Schichten – wozu offensichtlich auch die Dozentenschaft der Georgia Augusta gezählt wurde – bestrebt, extra muros zu wohnen. So setzte alsbald eine rege Bautätigkeit vor allem östlich des alten Stadtwalles in Richtung auf den Hainberg ein. … Auf der nördlichen Straßenseite zwischen Theaterplatz und Düsterem Eichenweg entstanden nach und nach meist zweigeschossige Wohnhäuser. Ganz überwiegend wurden sie in Tuffstein (z.T. mit Sandsteingliederung) ausgeführt.

Zit. nach: Tegtmeyer, Henning, Bundeszeitung der Grünen Hannoveraner zu Göttingen, Jahrgang 100 (Neue Folge), April 2010, Nr. 1, Seiten 32–39

1899 wird in dem Band Nordwest-Deutschland (von der Elbe und der Westgrenze Sachsens an), 26. Auflage (D 117) auf den Seiten 90/91 umfangreicher über Göttingen berichtet. Die städtische Altertümersammlung mit Karzertür und die Standbilder Wöhlers, Gauß‘ und Webers werden erwähnenswert. Lest hiernach selbst.

Hannovera hat gerade ihr 50. Stiftungsfest gefeiert; zu dem ich auf die zwölfseitige Schilderung von Bundesbruder Römpler in der Anlage zum Semester-Bericht der Burschenschaft Hannovera. S.-S. 1898 verweise.

Nur sieben Jahre später, 1906, ist Göttingen bereits angewachsen auf 34000 Einwohner und beherbergt 1500 Studenten; der Kauf des Grünenhauses durch Hannovera steht unmittelbar bevor und Baedeker ergänzt um den neuen Gänsemädchenbrunnen.

Deutschland in einem Bande, Handbuch für Reisende, 1. Auflage 1906 (D 223) – „Von Hamburg nach Frankfurt“

Überspringen wir nunmehr einige Zeit und viele Baedeker-Ausgaben.
Zunächst hatte der Verlag die Auswirkungen der Weltwirtschaftskrise zu meistern, dann traf ihn nach Hitlers Machtergreifung die Sanktion durch das Gesetz über die Beschränkung der Reisen nach der Republik Österreich vom Mai 1933, das für private Reisen eine Gebühr von 1000 Mark (!) verlangte, um den dort wirtschaftlich bedeutenden Tourismus zu schädigen und das Nachbarland auf diese Weise unter Druck zu setzen. Bereits kurze Zeit später folgte die völlige Gleichschaltung des Fremdenverkehrs in Deutschland. Kriegsvorbereitungen und Tourismus vertrugen sich nicht. Mit fortschreitendem Zweiten Weltkrieg wurden immer weniger private „Lust“-Reisen unternommen, und schon garnicht solche in das Ausland. Für Reiseführer bestand nur geringer Bedarf; auch Baedeker hatte fortan Staat, (Kriegs-)Wirtschaft und Politik zu dienen.
Das „Großdeutsche Reisebüro“ und „Der Führer“ haben im üblen Sinne die Funktion der Reiseführer übernommen. Lediglich einige wenige Baedeker-Bände über angeschlossene oder besetzte Länder wurden im staatlichen Interesse neu verlegt.

In dem Band Das Deutsche Reich und einige Grenzgebiete, Reisehandbuch für Bahn und Auto, Sechste Auflage 1936 (D 254) Seite 168, wird Göttingen ohne uns neue Information siebzehnzeilenkurz abgehandelt.


Dazu wird die neue Zeit weiter vorne (Einleitung Seite L, XI. Geschichte) den Lesern nahegebracht.


1943 erschien eine dritte Auflage des Harz-Bandes (D 233).

Der Harz und sein Vorland, 3. Auflage 1943, Sammlung Dr. Karl Heinz Schröder

Nehmen wir nunmehr diesen Band
Der Harz und sein Vorland
zur Hand, um Göttingen durch ihn zu einer anderen, geänderten Zeit kennenzulernen und machen uns auf den Weg in die Stadt.

Wir beginnen eingangs der seit 24. Mai 1923 im Namen „eingedeutschten“ und seit dem so bekannten Herzberger Landstraße, dort wo man die schönsten Villen des bevorzugten Ostviertels mit ihren herrlichen, oft parkähnlichen Gärten findet, und begeben uns vorbei am vormaligen Haus der Burschenschaft Alemannia westwärts bergab Richtung Innenstadt.

Die Albanikirche, Göttingens älteste, lassen wir ebenso links hinter uns wie das weiter abgelegene Haus der Burschenschaft Brunsviga
und gehen rechts über den Adolf-Hitler-Platz,

Zeitgenössische Ansichtskarte

vorbei am – 1935 an die Stadt Göttingen übergebenen und jetzt als Stadtarchiv genutzten – ehemaligen Corpshaus von Saxonia Richtung Theater. Vor demselben biegen wir links in die Franz-Seldte-Straße, schauen rechts auf das einzig innerhalb des soeben überquerten Hindenburgwalles gelegene Verbindungshaus, das der L! Verdensia, und kreuzen die Burgstraße voller Erinnerungen Richtung Stadtmitte.
Im Haus Burgstraße Nr. 21 haben bei Malermeisterswitwe Kraul in den 1970er & 1980er Jahren Grüne & Freunde gewohnt und im Keller des Nebenhauses Nr. 20 befindet sich auch nach fast 60 Jahren noch immer der von Bundesbruder Werner Thies gegründete Göttinger Studentenkreis e.V., genannt Das Trou.

Burgstraße 21 (2019)

Die gepflegten stadtbildprägenden Häuser der Verbindungen, die wir kennen, erwähnt Baedeker nicht ausdrücklich.

Exkurse führen wir gedanklich zu Franz Seldte, einem der Paladine des Führers, den ersterer durch Einbinden beschränken wollte, was gründlich fehlschlug: Seldte selbst wurde kaltgestellt und mit Pöstchen und mehr als 20 Straßenbenennungen abgefunden, und zu Hindenburg, über den z.B. auch in Hannover 2019/20 der Umbenennungsfuror tobt: Hindenburg-straße und Hindenburg-schleuse sollten andere Namen bekommen.
Deutschland benennt immer mal wieder um; seine Geschichte bleibt.

Im Mai 1938 zog das Gestapo-Büro in die Franz-Seldte-Straße 19; wir gehen schnell vorbei. Die Jüdenstraße (!), noch immer gleichen Namens, gequert, erreichen wir am Ende die Straße der SA – nach links vorbei am Cafè Cron & Lanz Richtung Marktplatz mit dem Alten Rathaus und nach rechts Richtung Universitätssportplatz auf dem ehemaligen Landwirtschaftlichen Versuchsfeld, vorbei am Haus der sehr angesehenen und wohlhabenden Familie Hahn, Rohhäute und Fellgroßhandlung Raphael Hahn Söhne OHG, Weender Straße 63 – heute Nr. 70 – (in den 1980er Jahren dort Wohnung von Bundesbruder Peter Frank Gerschewski), vorbei am „Judenhaus“ Weender Landstraße 26 und dahinter rechts in den Ludendorff-Ring. Ab Februar 1944 residierte die Gestapo – unter Umgehung des geltenden Gesetzes gegen die Zweckentfremdung von Wohnraum – in dem ehemaligen jüdischen Gemeindehaus, in dem die Göttinger Juden von Ende 1941 bis zu ihrem Abtransport im März und Juli 1942, als einem von sechs in der Stadt, zusammengepfercht worden waren.

Neue Namen (einige Straßen und Hermann-Göring-Akademie der Deutschen Forstwirtschaft) verzeichnet Baedeker 1943 kommentarlos, verliert aber sonst kein Wort über „die neue Zeit“. Selbige ist für ein Reisebuch kein Thema; alles scheint zu bleiben wie zuvor.

Der Harz und sein Vorland, (Dritte Auflage), Karl Baedeker, Leipzig 1943 (D 233), Seite 52


Göttingen wurde von Juli 1944 bis März 1945 siebenmal bombardiert, wohl weil das Reichsbahnausbesserungswerk mit der großen Lockhalle hinter dem Bahnhof Ziel war. Getroffen wurden Wohnhäuser, Pauliner- und Johanniskirche, Lutherschule und Gaswerk, Zwangsarbeiterlager, Güterbahnhof und Gleisanlagen, Aluminiumwerk, Phywe und Sartorius, der Flugplatz und die Brauerei am Brauweg. Die Anatomie der Universität wurde zerbombt und die Junkernschänke in Mitleidenschaft gezogen. Verglichen mit den Zerstörungen anderer deutscher Städte sind die Schäden gering gewesen, doch mussten bis zum Einmarsch amerikanischer Truppen in Göttingen mehrere hundert Tote beklagt werden.

Das Autobahnteilstück Göttingen-Kassel war im Juni 1937 eröffnet worden; Weiterbau von Göttingen nach Norden in den 1950er Jahren, bis Hannover erst nach Wiedergründung der Hannovera, die mit Fertigstellung der Autobahn 1962 ihrer nächsten Blüte entgegenging. Was so nicht im Baedeker steht.

Über einige wenige Details aus dem Baedeker von 1943 ist die Zeit hinweggegangen, Göttingens „Reiseführerstadtbild“ hingegen hat sich als über bald zwei Jahrhunderte beständig erwiesen. Das lässt hoffen.
Nicht hoffnungsfroh stimmt das heute teils geringe Wissen über das grausame, das der Baedeker von 1943 Der Harz und sein Vorland unerwähnt lässt.

Kai Schröder (WS 1975/76)



Dankbar gewidmet meinem Vater Dr. jur. Karl Heinz Schröder (1926-1994), der den Anstoß zu diesem Artikel gegeben hat.

(ArtikelFassung; als Vortrag mit Stadtspaziergang geplant)
(ks-9/2020)